Beschreibung
Über den wohl einflussreichsten chinesischen Maler und Kalligraphen, Bada Shanren, ist nur wenig überliefert. 1626 als Prinz der kaiserlichen Familie geboren, erlebte er bald den Untergang der uralten Ming-Dynastie. Von da an studierte Bada die Stille, die Natur und die Tusche, und begann zu malen. Mit größter Einfühlung und hervorragendem erzählerischen Geschick zeichnet Richard Weihe das Porträt dieses Mannes und bringt seine Bilder zum Sprechen - und verschafft dem Leser mit nur wenigen literarischen Pinselstrichen eine weise, meditative Gelassenheit.
Autorenportrait
Richard Weihe, geboren 1961 in Bern, Schauspielakademie und Studium in Zürich, Promotion und Habilitation im Bereich Theater und Philosophie. Weihe ist Dozent, Übersetzer und moderiert die 'Sternstunde Philosophie' im Schweizer Fernsehen DRS.
Leseprobe
29Eines Tages war Bada Shanren bei einem Goldfischzüchter zu Gast. Er führte Bada durch seinen Garten, den er den Garten des Gelben Bambus nannte. Sehr zu Badas Verwunderung verlor sein Gastgeber kein Wort über Goldfische. Für alle Sträucher und Bäume hatte er eigene wohlklingende Namen erfunden und schwärmte von ihren zarten Farben und der Vielfalt ihrer Blattformen. Erst spät am Nachmittag fasste er Bada plötzlich am Arm: &8211;Das ist der Moment. Jetzt ist das Licht richtig. Bada wurde zu der Veranda hinter dem Haus geführt. Dort stellte ein Gehilfe eben eine Anzahl blauweißer Porzellanschüsseln auf die niedrige Mauerbrüstung. &8211;Meister, sagte der Gastgeber, bitte schaut Euch meine Fische an. Schaut Euch alle an und sagt mir dann, welcher Farbton Euch am besten gefällt! Bada blickte der Reihe nach in die Schüsseln. Ihm fiel auf, dass der Goldfischzüchter die Fische in einer Farbskala angeordnet hatte. Der erste war safrangelb. Die Schuppen des zweiten schimmerten rosa, der dritte sowie der vierte waren von hellem Orange. Der fünfte strahlte in grellem Rot, der sechste hatte einen purpurnen Rücken. Der letzte erschien ihm fast violett. In jeder Schüssel war nur ein einziger Fisch, beinah von der Größe eines Karpfens. Die Fische waren so groß, dass sie in der Schale nur einen engen Kreis schwimmen konnten, wobei sie den schweren Rumpf bis zum Äußersten zu biegen hatten. Sie bemerkten offenbar die Veränderung des Lichts auf der Wasseroberfläche, wenn sich Bada über sie beugte. Sie blickten ihn mit ihren großen runden Augen durch das klare Wasser an und schienen den Wasserspiegel mit ihren prallen Lippen küssen zu wollen, wobei das feine Glas jedes Mal zersprang. Das Licht schimmerte farbig auf ihren gedrungenen Rücken. Bada entschied sich für den letzten Fisch, den violetten. &8211;Warum den dunkelsten, Meister?, fragte der Goldfischzüchter etwas überrascht. &8211;Wenn ich mittags im Sonnenlicht am Teich stünde und sähe einen Schwarm Eurer violetten Fische, so sähe ich im Wasser die schwimmende Nacht.
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