Beschreibung
Flirrend vor Hitze, poetisch wie eine Sure, spannend bis zur letzten Seite Der Beginn einer außergewöhnlichen Krimiserie mit dem ungleichen Ermittlergespann aus einem strenggläubigen Wüstenführer und einer fortschrittlichen Rechtsmedizinerin. Die junge Nouf, Tochter aus gutem Hause, ist tot. Ertrunken. Mitten im endlosen Sandmeer der saudi-arabischen Wüste. In einem Wadi, der schon seit Monaten kein Wasser mehr geführt hat. Der Wüstenführer Nayir soll im Auftrag der Familie diskret die Umstände von Noufs Tod ermitteln. Schon bald stellt sich heraus, dass das Mädchen schwanger war - ein Skandal in einer Welt voller Tabus. Und eine Herausforderung für Nayir, der bei seinen Nachforschungen stets wieder an die Grenzen seiner strenggläubigen Kultur stößt .
Leseprobe
Bevor die Sonne an jenem Abend unterging, füllte Nayir seine Wasserflasche, nahm den Gebetsteppich unter den Arm und stieg die gen Süden gelegene Düne unweit des Lagers hinauf. Aus einem der Zelte hinter ihm erscholl lautes Gelächter, und er vermutete, dass seine Männer Karten spielten, wahrscheinlich Tarnip, und den Siddiqi herumgehen ließen. Jahrelanges Reisen durch die Wüste hatte ihn gelehrt, dass man niemanden davon abhalten konnte zu tun, was er wollte. Hier draußen gab es kein Gesetz, und wenn den Männern nach Alkohol zumute war, dann tranken sie eben welchen. Nayir fand die Vorstellung widerwärtig, dass sie am Freitagmorgen, dem heiligen Tag, mit einem vom Schnaps verunreinigten Körper aufwachen würden. Aber er sagte nichts. Nach einer Woche ergebnislosen Suchens war ihm nicht danach, andere zurechtzuweisen. Er erklomm die Düne in gemächlichem Tempo und pausierte erst, als er den Kamm erreicht hatte. Von hier aus hatte er einen weiten Blick über das Wüstental, verkarstet und flach, umgeben von niedrigen Dünen, die sich im goldenen Licht der untergehenden Sonne als Wellenlinie abzeichneten. Doch sein Auge wurde zu etwas hingezogen, das das friedliche Bild störte: ein halbes Dutzend Geier, die sich über den Kadaver eines Schakals hermachten. Sie waren der Grund gewesen, warum sie hier Halt gemacht hatten - wieder eine falsche Fährte. Vor zwei Tagen hatten sie es aufgegeben, die Wüste abzusuchen, stattdessen waren sie dazu übergegangen, den Geiern zu folgen. Doch jede Ansammlung von Geiern führte sie nur zu einem verendeten Schakal oder einer toten Gazelle. Natürlich waren sie erleichtert, aber gleichzeitig auch enttäuscht. Er hatte die Hoffnung noch nicht aufgegeben, dass sie sie finden würden. Er holte seinen Kompass hervor, suchte die Richtung nach Mekka und legte seinen Gebetsteppich aus. Er schraubte seine Wasserflasche auf und schnüffelte zur Sicherheit daran, eine automatische Geste. Das Wasser roch nach Blech. Er nahm einen Schluck und kniete dann schnell auf dem Sand nieder, um seine Waschungen zu verrichten, darauf bedacht, keinen Tropfen zu verschütten. Er rieb sich Arme, Hals und Hände ab, und als er fertig war, schraubte er die Wasserflasche wieder fest zu und genoss die kurze Erfrischung des Wassers auf seiner Haut. Er erhob sich und begann zu beten, doch seine Gedanken wanderten immer wieder zu Nouf. Aus Gründen des Anstandes versuchte er, sich nicht ihr Gesicht oder ihren Körper vorzustellen, doch je mehr er an sie dachte, desto lebendiger wurde sie. Vor seinem geistigen Auge schritt sie durch die Wüste, den Körper gegen den Wind gestemmt, während das schwarze Gewand gegen ihre sonnenverbrannten Knöchel peitschte. Allah verzeih mir, dass ich mir ihre Knöchel vorstelle, dachte er. Und dann: Wenigstens glaube ich, dass sie noch lebt. Wenn er nicht betete, stellte er sich andere Dinge vor. Er sah sie kniend vor sich, wie sie sich Sand in den Mund schaufelte, im Irrglauben, es sei Wasser. Er sah sie ausgestreckt auf dem Rücken liegen, und das metallene Handy sengte ihr ein Brandmal in die Hand. Er sah die Schakale ihren Körper in Stücke reißen. Doch während des Gebets bemühte er sich, diese Ängste beiseitezuschieben und sich vorzustellen, dass sie noch um ihr Leben kämpfte. Heute Abend rang sein Geist verzweifelter als je zuvor darum, diesem scheinbar aussichtslosen Fall doch noch einen Funken Hoffnung einzuhauchen. Nach dem Gebet fühlte er sich erschöpfter als zuvor. Er rollte den Teppich zusammen, setzte sich am äußersten Rand des Hügels in den Sand und blickte hinaus auf die Dünen. Der Wind nahm zu und streichelte den Wüstenboden, hob ein paar Sandkörner auf, um seine Eleganz besser zur Schau zu stellen, während die Erde ihre Haut mit einem Kräuseln abstreifte und die Flucht zu ergreifen schien. Die Gestalt der Dünen veränderte sich unablässig mit dem Wind. Mal erhoben sie sich zu Gipfeln, mal legten sie sich in schlierende Muster, wie Schlangenspuren. Die Beduinen hatten ihm beigebracht, die Formen zu Leseprobe