Beschreibung
"Es sind die kleinen Episoden, die das Buch lesenswert machen, die Paranoia und Heuchelei der Gesellschaft illustrieren." Der Spiegel
Autorenportrait
Antonia Rados, geboren in Klagenfurt, studierte in Paris und Salzburg. Sie ist promovierte Politologin und arbeitet seit 1978 als Kriegsberichterstatterin, seit 1993 als RTL-Korrespondentin und Studioleiterin in Paris. Sie berichtete bereits aus vielen Krisenregionen, etwa aus Südafrika, Somalia, Iran und Afghanistan. Für ihre Berichterstattung aus Bagdad, bei der sie trotz der extremen Bedingungen ihre journalistische Unabhängigkeit unter Beweis stellte, wurde Antonia Rados 2003 mit dem Hanns-Joachim-Friedrichs-Preis ausgezeichnet. Bei Heyne erschienen "Live aus Bagdad" (2003) und "Gucci gegen Allah" (2005). Antonia Rados lebt in Paris.
Leseprobe
Seit Jahrzehnten bereise ich als Reporterin den Iran. Anfang der 80er Jahre war es schwierig, denn der Botschafter der Islamischen Republik - wie der Iran seit Khomeinis Machtübernahme heißt - verweigerte mir das Visum. Bei meinen vielen Bittbesuchen beteuerte er seine Machtlosigkeit, indem er ausführlich darlegte, nicht er, sondern das Informationsministerium in Teheran hätte eine Verordnung erlassen. Bis auf weiteres werde weiblichen Reportern keine Einreise mehr erlaubt. Ich solle es nicht persönlich nehmen. Er versuche, für mich eine Ausnahme durchzusetzen. Damit war unser Gespräch selten beendet. Er lud mich auf eine Tasse Tee ein. Während wir das Nationalgetränk des Iran schlürften, belehrte er mich höflich, Iranerinnen seien in der Khomeini-Republik viel besser gestellt als unter dem Schah, sogar freier als im Westen! Es war schizophren: Trotz einer Verordnung gegen Journalistinnen sollte ich an die paradiesische Lage der Iranerinnen glauben! Mangels Alternativen hörte ich geduldig zu, verabschiedete mich mit einem Kopfnicken (da sich in der Islamischen Republik Männer und Frauen öffentlich nicht berühren) und kam ein paar Wochen später mit frischem Elan wieder. Im Empfangszimmer stand das Tee-Service bereit. So ging das einige Jahre - Hoffnung ist die Mutter aller Reportagen. Erst ab 1994 lockerten sich die Verordnungen. Von da an fuhr ich ein- bis zweimal im Jahr hin, für zwei bis drei Wochen, manchmal länger. Mit jedem Besuch verstärkte sich mein Eindruck, der Iran sei ein eigener Planet. Unter allen islamischen Ländern ist er das Land der größten Gegensätze. Faszinierend und unberechenbar zugleich. So mancher Ausländer musste das schon leidvoll erfahren, wenn er, wie ein deutscher Geschäftmann, jahrelang im Gefängnis saß. Für mich ist der Iran eine zusätzliche Herausforderung. Kopftuchtragen ist für Frauen Pflicht. Die konservativsten Koran-Gelehrten weigern sich, einer Reporterin wie mir Interviews zu geben. Zugleich werde ich an Wochenenden von Bekannten aus Nord-Teheran mit Einladungen überhäuft. Bei diesen Partys werden nicht nur Zigaretten aus Tabak geraucht und man serviert alles andere als Wasser. An Wochenenden versammeln sich auch Irans Fromme im Pilgerort Jamkaran, um für die Rückkehr ihres Erlösers, des Madhi, zu beten. Aberglauben trifft auf Fanatismus, orientalische Höflichkeit auf Bürokratismus, Atomphysik auf Terror, Untergrund-Discos auf Hass gegen alles aus Amerika. Korruption gibt es an jeder Ecke. Aber auch Freundschaften, wie man sie bei uns selten findet. Im Iran ist beinahe alles möglich. Und über allem wacht drohend am Nordrand Teherans das Evin-Gefängnis, ein Block aus Beton, den man aus der Ferne wahrnimmt. Die Anstalt dient den Mullahs genauso wie dem 1979 vertriebenen Herrscher. Ob es unter dem Schah besser war? Unter Iranern findet man hierzu jede denkbare Meinung. Aus Geschichtsbüchern und Reportagen erfahren wir, die Verwestlichung durch den Schah habe nur wenigen genützt. Frage ich iranische Freunde, Taxifahrer oder meinen Übersetzer, höre ich je nach Grad der Verklärung etwas anderes. Für Bewunderer endete mit ihm ein Goldenes Zeitalter, für Kritiker begann es erst nach seiner Flucht. Doch in einem sind alle einig: Iraner sprechen über ihr Land in den höchsten Tönen. Der Schah-in-Schah, der König der Könige - einer von uns! Die Islamische Revolution, Wendepunkt für das Morgenland - 'Made in Iran'! Unwillkürlich endet jede Unterhaltung bei legendären Perser-Königen wie Darius oder Xerxes. Wundervoll konterkariert wird dieses Selbstbewusstsein durch Selbstironie: Selten habe ich so viele Witze und Anekdoten über die Mächtigen gehört wie in Teheraner Imbissbuden oder Autobahnraststätten auf dem Weg in die Stadt Qom. Doch nun leben die Nachkommen siegreicher Feldherren, Poeten und schiitischer Heiliger erstmals in ihrer Geschichte isoliert vom Rest der Welt. Seit dem Aufstand der Mullahs, der sich 2009 zum 30. Mal jährt. Unter dem Schah wurde noch alles vom Auto über Haarschnitte bis z Leseprobe