Leseprobe
Liebe Chaya, mit Dir auf dem Schoß sitze ich hier am Fenster. An der Scheibe blühen Eisblumen. Wenn ich das Ohr nahe genug an das Glas halte, kann ich ein Knacken hören. Die Blumen wachsen. Den ganzen Vormittag hat es geschneit; jetzt nicht mehr. Du bist erst seit ein paar Tagen auf der Welt, aber Deine Geschichte, unsere Geschichte, hat vor langer Zeit begonnen. Ich kenne sie, unsere Geschichte, ich weiß nicht nur das, was ich mit eigenen Augen gesehen habe, sondern auch alles andere. Dieses Wissen steckt mir in den Knochen, im Herzen. Eines Tages werden Deine Kinder Dich fragen, wie alles war, und Du wirst ihnen eine neue Version erzählen; so wird die Geschichte fortgeführt. Die Wahrheit liegt nicht in den Fakten. Die Wahrheit liegt im Erzählen. Angefangen hat es 1939, am nördlichen Rand Rumäniens, auf einer kleinen Halbinsel in der Schleife eines lehmigen Flusses. Die Tage zogen still und friedlich dahin. Morgens wurden die Kühe gemolken, der Brotteig wurde geknetet. Wir hoben unsere Säuglinge hoch in die Luft und küssten sie. Der Bäcker nahm das Brot pünktlich am Mittag aus dem Ofen, wenn wir hungrig wurden. Die Kinder addierten, dividierten und multiplizierten Zahlen und bekamen dafür den Kopf getätschelt. Der Bankier zählte seine Münzrollen und schloss sie sorgfältig ein. Der Gemüsehändler füllte seine Regale mit Kohlköpfen, die ihm der Kohlbauer gebracht hatte, und mit Kartoffeln, die unsere halbwüchsigen Jungen auf den Äckern hinter den Häusern der alten Frauen zusammenklaubten. Und die alten Frauen sahen aus ihren Fenstern zu, wie die Armmuskeln der Jungen zum Leben erwachten. Neun Familien nannten das Tal ihre Heimat. Jenseits der bewirtschafteten Hügel standen zu allen Himmelsrichtungen dunkel bewaldete Berge. Der Fluss war unser eigenes Wasser, wir nannten ihn einfach 'Fluss', auch wenn er auf den Landkarten Dniester hieß. Unser Dorf war vollkommen, ebenso wie unser Leben hier; unsere Geister lagen in Ruhe unter der Erde, und wir Lebenden schritten in ebensolcher Ruhe über den festen Boden dahin. Unser Dorf gehörte hierher - wir wollten es nicht verpflanzen, nirgendwohin, obwohl wir wussten, dass in einem anderen Land, nicht weit von uns, ein Mann mit einem viereckigen Schnurrbart die Welt umgestalten wollte. Menschen wie wir wurden gezwungen, alles Vermögen und Eigentum registrieren zu lassen. In unsere Pässe wurde ein großes rotes J gestempelt. Eine abendliche Ausgangssperre wurde verhängt. Es war ein neues Kapitel in einer alten Geschichte. Irgendwo ging ein Tempel in Flammen auf. Die Tschechoslowakei wurde besetzt, Warschau ebenfalls. Menschen wie wir wurden in Gettos gesteckt. Alle Männer hießen Israel und alle Frauen Sarah. 'Ganz bestimmt hört das bald auf', sagten wir. 'Das Schlimmste ist vorbei', nahmen wir an. 'Irgendwer erzählt doch immer, dass die Welt bald untergeht.' Wir erinnerten uns an keine Zeit ohne Krieg, ohne Hass, ohne Verfolgung. Ohne Pogrome, ohne Wehrdienst. Vielleicht war zu Beginn der Welt alles sauber und rein gewesen. Wir kannten eine Geschichte von einem Mann und einer Frau und ein paar schönen Tagen in einem Garten, aber von uns Dorfbewohnern konnte sich niemand tatsächlich an diese Zeit erinnern. Unsere Ahnen könnten einander auch angeknurrt oder sich in die Hände gespuckt haben. Wir könnten uns auf der dünnhäutigen Erde gewälzt, gegenseitig unsere geschlossenen Lider berührt oder vor den Fußabdrücken gekniet haben, die wir überall hinterlassen hatten. Egal, wie das Leben auf Erden begonnen hatte, wir machten weiter, bis wir vergaßen, dass es einen Anfang gegeben hatte. Die Zeit schlug mit ihren Tatzen nach uns und legte uns jeden neuen Tag wie ein knorpeliges Stück Fleisch vor die Tür. Für uns war es immer das erste Mal, wenn ein Kind zur Welt kam, das erste Mal, wenn es seine kleinen salzigen Fäuste in die Luft reckte. Es war immer das erste Heute. I VORHER Eines Freitagabends, als die Sonne schwer über dem Horizont hing und drauf und dran war, zähflüssig in die Weiz