Beschreibung
Der Band bietet die erste profunde Rekonstruktion der Entwicklung der Frankfurter Schule aus feministischer Perspektive und eröffnet damit neue Anschlussmöglichkeiten für die Gesellschafts- wie Geschlechtertheorie. Basierend auf Schriften von Horkheimer, Adorno, Marcuse, Fromm u.a. wird gezeigt, wie Geschlechterverhältnisse, Familie und Sexualität in der Kritischen Theorie reflektiert wurden. Dabei deckt die Studie nicht nur Schwächen auf, die durch feministische Theorie und Geschlechterforschung bearbeitet wurden. Sie skizziert auch, wie sich Desiderate feministischer Theorie mithilfe der Kritischen Theorie gesellschaftstheoretisch fassen lassen.
Autorenportrait
Barbara Umrath hat Erziehungswissenschaften, Soziologie und Psychologie studiert. Sie ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Geschlechter-Studien des TH Köln.
Leseprobe
1. Einleitung Die sogenannte Frankfurter Schule, auch bekannt als Kritische Theorie, kann als eine der einflussreichsten geistes- und sozialwissenschaftlichen Theorieströmungen des 20. Jahrhunderts gelten. In zeitgenössischer Geschlechterforschung wird auf diese allerdings eher selten zurückgegriffen. Jene auf den ersten Blick irritierende Diskrepanz wird verständlich, wenn man die bis dato vorliegende Sekundärliteratur genauer betrachtet. Insgesamt dominiert dort eine Darstellung, derzufolge sich die Kritische Theorie mit der Geschlechterthematik allenfalls am Rande auseinandergesetzt hat. Die dezidiert feministische Rezeption kritisierte die analytischen Werkzeuge der Frankfurter Schule als unzureichend für ein Verständnis von Geschlechterverhältnissen. Die vorliegende Studie entwickelt demgegenüber eine andere Möglichkeit der Rezeption. So wird in den Kapiteln 3 bis 5 eine Geschichte der Frankfurter Schule entfaltet, in der Auseinandersetzungen mit der Geschlechterthematik als integraler Bestandteil der Entwicklung Kritischer Theorie erkennbar werden. Gezeigt wird, dass die Kritischen Theoretiker(-innen) sich über all die Jahrzehnte ihres Schaffens mit Geschlechterverhältnissen befasst haben, wie diese kritische Auseinandersetzung genau aussah, an welche Theorien und Denker(-innen) dafür angeknüpft wurde und zu welchen Einsichten die Kritische Theorie gelangte. Gegenüber dem Gros der bisherigen feministischen Rezeption verfolgt die vorliegende Arbeit damit ein anderes Anliegen. Wie in Kapitel 2 noch genauer dargestellt wird, war die feministische Rezeption, die im Zuge der Entwicklung von Frauen- und Geschlechterforschung ab den frühen 1970er-Jahren einsetzte, über weite Strecken von einer kritischen Abarbeitung geprägt. Dabei ging es stets auch um das Verhältnis von feministischer und Kritischer Theorie: Wie eng kann feministische Theorie sich an die Kritische Theorie anlehnen? Wie viel Abgrenzung tut not? Prägnant zum Ausdruck kommt dieses Ringen im Titel eines Aufsatzes von Gudrun-Axeli Knapp aus dem Jahr 1996, der da lautet "Traditionen - Brüche: Kritische Theorie in der feministischen Rezeption". Insgesamt waren die feministischen Zugriffsweisen von einer Mischung aus kritischer Abarbeitung und dem Bestreben nach Weiterentwicklung und Aktualisierung geprägt. Die vorliegende Studie ist hingegen in erster Linie rekonstruktiv angelegt. In ihrem Vordergrund steht nicht die feministische Weiterentwicklung und Aktualisierung der älteren Kritischen Theorie. Vielmehr sollen deren Auseinandersetzungen mit der Geschlechterthematik vor dem Hintergrund heutiger Geschlechterforschung detailliert rekonstruiert werden. Dabei wird deutlich werden, dass letztere nicht nur in mancherlei Hinsicht über die ältere Kritische Theorie hinausgeht, sondern diese auch umgekehrt Impulse für eine stärker gesellschaftstheoretische Ausrichtung von Geschlechterforschung zu geben vermag. Dominierte in der bisherigen feministischen Rezeption ein kritisch-aktualisierender Zugriff, soll es in der vorliegenden Arbeit darum gehen, die Texte der Kritischen Theorie selbst stärker zum Sprechen zu bringen und ihnen Gehör zu schenken. Dies bedeutet nicht, dass nun endlich einmal dargelegt würde, wie die Kritische Theorie tatsächlich über Geschlechterverhältnisse nachgedacht hat, was ihre verschiedenen Vertreter(-innen) wirklich gemeint haben. In der Formulierung des Zum-Sprechen-Bringens und Gehörschenkens ist bereits das dialogische Moment der Rekonstruktion angedeutet. Wie jeder Rekonstruktion wohnt somit auch der folgenden ein konstruktives Element inne. Ohne dieses würden sich Rekonstruktionen erübrigen, wären sie doch Wiederkäuen des immer Gleichen, nicht eine mögliche Quelle neuer Erkenntnisse. Das bedeutet zugleich, dass keine Rekonstruktion voraussetzungslos ist. So stehen im Hintergrund der vorliegenden Rekonstruktion Begriffe, Analysen und Fragestellungen heutiger Geschlechterforschung. Sie prägen das Erkenntnisinteresse an der Kritischen Theorie und machen auf diese Weise das konstruktive Moment des Rekonstruktionsprozesses aus. Anders formuliert ist es die grundlegende These dieser Arbeit, dass sich erst mit den Begriffen und Erkenntnissen heutiger Geschlechterforschung rekonstruieren lässt, wie genau die Kritische Theorie sich mit Geschlechterverhältnissen auseinandergesetzt hat. Es bedarf einer entsprechend informierten Perspektive, um (a) über einschlägige Überlegungen und Einsichten nicht hinweg zu lesen sowie (b) deren Produktivität und Grenzen näher zu bestimmen. Ausgegangen wird in der vorliegenden Arbeit damit erstens von einer grundlegenden Einsicht neuerer Geschlechterforschung: Der Erkenntnis, dass Zweigeschlechtlichkeit ein zentrales Strukturelement moderner Gesellschaften darstellt. Wenn die bisher vorliegenden Darstellungen der Kritischen Theorie - wie in Kapitel 2 anhand von Einführungsliteratur und Studien zu Geschichte und Entwicklung der Kritischen Theorie gezeigt wird - darauf hinauslaufen, die Geschlechterthematik sei nicht bzw. kaum Gegenstand Kritischer Theorie gewesen, kann dies aus Perspektive heutiger Geschlechterforschung nicht einfach als Aussage über die Behandlung entsprechender Fragen durch die Kritische Theorie genommen werden. Vielmehr ist ein Zusammenhang zwischen jenem Befund zu vermuten und dem, was im Zentrum der Aufmerksamkeit der jeweiligen Rezipient*innen steht und was nicht in den Blick kommt bzw. stillschweigend vorausgesetzt wird. Denn dass eine Theorie der modernen Gesellschaft nicht umhin kommt, sich mit der (historisch-gesellschaftlich zu verstehenden) Tatsache der Zweigeschlechtlichkeit auseinanderzusetzen, liegt aus Perspektive der Geschlechterforschung auf der Hand. Im Folgenden wird daher näher zu fragen sein, wie, auf welche Weise und in welcher Form dies in der Kritischen Theorie geschah - implizit oder explizit, unwillkürlich oder reflektiert, affirmativ oder kritisch. Die Kritische Theorie vor dem Hintergrund heutiger Geschlechterforschung zu rekonstruieren, bedeutet zweitens einen Unterschied zu bisherigen feministischen Lesarten. Wie in Kapitel 2 noch ausführlich dargestellt wird, wurde die Kritische Theorie weniger aus der Perspektive der Geschlechterforschung betrachtet, die erst um 1990 deutlichere Konturen annimmt, denn aus einer frauenforschenden Perspektive. Damit lag der Schwerpunkt der Betrachtung weniger auf der wechselseitigen Konstituierung von Männlichkeit und Weiblichkeit oder gar der Konstitution von Geschlecht(lichkeit) überhaupt, sondern auf der Frage nach der Darstellung von Frauen und deren Erfahrungen. Demgegenüber fragt die vorliegende Arbeit danach, wie die Kritische Theorie die Kategorie Geschlecht und Geschlechterdifferenz verstanden hat, da sich erst auf dieser Basis klären lässt, wie die Darstellungen von Frauen bzw. Weiblichkeit zu verstehen sind. Sich der Kritischen Theorie aus der Perspektive heutiger Geschlechterforschung zuzuwenden, heißt drittens, den Fokus nicht isoliert auf Geschlechterverhältnisse zu legen, sondern diese in ihrer Verflechtung mit anderen Macht-, Herrschafts- und Ungleichheitsverhältnissen zu betrachten - eine Einsicht, die sich im Zuge der ab Anfang der 2000er-Jahre auch in der deutschsprachigen Frauen- und Geschlechterforschung intensiv geführten Debatten um Intersektionalität zunehmend durchgesetzt hat und heute als zentraler Bestandteil des Selbstverständnisses von Geschlechterforschung gelten kann. Greift eine isolierte Betrachtung von Geschlechterverhältnissen somit zu kurz, ist im intersektionalen Selbstverständnis insbesondere für sozialwissenschaftliche Geschlechterforschung die Herausforderung angelegt, sich zu einer kritischen Gesellschaftstheorie weiterzuentwickeln, deren Gegenstand komplexe, ineinander verflochtene Mechanismen von Herrschaft, Macht und Ungleichheit sind. Es geht um die Entwicklung einer gesamtgesellschaftlichen Perspektive, die etwa Klasse und Geschlecht nicht nur als Kategorien versteht, die in ihrer Interdependenz Identitäten u...