Beschreibung
Christian, Dana, Franz und Mitch sind halbe Amerikaner. Als vaterlose Kinder deutscher Mütter und amerikanischer Soldaten identifizieren sich die vier Freunde auf tragikomische Weise mit dem Land der Väter, das sich aus Amerikaerzählungen, Hollywoodfilmen und eigenen fantastischen Vorstellungen zusammensetzt. Als Christian zu Beginn der Semesterferien unverhofft ein Sparbuch in die Hände fällt, bricht er kurzerhand alleine in die USA auf. Um seinen Vater zu finden? Um endlich ein ganzer Amerikaner zu werden? Und was wird aus seiner kaum gelebten Liebe zu Dana? Das verheißungsvolle Land präsentiert sich anders als erwartet und es beginnt eine abenteuerliche Reise, auf der er nicht nur seltsame Autohändler, freiheitsliebende Musikstudenten, Outdoor-Laden-Besitzer mit ungewöhnlichen Jobangeboten und eine besondere Ausreißerin kennenlernt, sondern sich vor allem fragt, was dieses richtige Amerika eigentlich sein soll - und wer er selbst ist. Ein RoadtripRoman, der die Dimensionen von Herkunft, Identität, Projektion und Erwachsenwerden umkreist.
Autorenportrait
Carsten Tabel, 1978 in Friedberg/Hessen geboren, ist Autor, Künstler und Filmemacher. Er studierte Fotografie an der Hochschule für Grafik und Buchkunst Leipzig und Literarisches Schreiben am Deutschen Literaturinstitut Leipzig. Neben zwei eigenen Publikationen im LUBOK Verlag erschienen seine Texte in zahlreichen Künstler*innen-Monografien, Ausstellungskatalogen und Literaturzeitschriften.
Leseprobe
In Chicago hat Ann mir ein billiges Motel in Flughafennähe gebucht. Im Taxi auf keinen Fall mit Kreditkarte bezahlen. Never ever! Die klauen deine Daten, so schnell kannst du gar nicht gucken. Vierzig Dollar kostet die Fahrt vorbei an Lagerhallen, Tankstellen und Brachflächen. Es regnet. Ich gebe Trinkgeld, zu wenig, mein Gepäck muss ich selber ausladen. Hallo, ich habe reserviert. Ohne Gruß, ohne aufzusehen, fragt der Mann hinter der Rezeption nach meinem Ausweis. Im Zimmer hinter ihm sitzt eine Frau mit Glatze vor dem Fernseher. Es laufen Trickfilme. Auf dem Boden liegt ein Junge in Unterhosen, vielleicht acht Jahre alt. Er hat einen Schnuller im Mund. Mein Magen knurrt. Der Hotelangestellte hat Schwierigkeiten, die relevanten Daten auf meinem Reisepass zu finden. Dann, endlich, hört er auf zu tippen, der Nadeldrucker kreischt, das Telefon klingelt. Er hebt ab. Ja. Freitag. Nein. Mit einer Hand hält er den Hörer, mit der anderen reißt er das Papier aus dem Drucker, legt es vor mich, deutet mit seinem Finger auf eine Linie, auf der ich unterschreiben soll. Ja okay. Nein. Nein und nochmals Nein. Er legt den Hörer auf. Arschloch. Ich warte kurz, bis er sich abgeregt hat, und frage nach einem Restaurant. Er deutet auf einen Süßigkeitenautomaten und verschwindet im Hinterzimmer. Das Motel ist riesig, ich muss in den achten Stock. Ich suche nach einem Fahrstuhl, komme am Frühstücksraum vorbei. Hohe Tische, Barhocker. Gerade mal zehn Plätze. Seltsam. Wie soll das gehen? Frühstücken die anderen Gäste im Stehen? Ein Mann im grünen Overall wischt den Boden. Ich öffne die Tür. Kein Zutritt. Ich frage, wo ich was zu essen finde. Drei Blocks Richtung Süden. Hast du ein Auto? Nein. Er lacht, schüttelt den Kopf. Viel Glück. Auf einem schmalen Grasstreifen laufe ich entlang der Straße. Es hat aufgehört zu regnen, kalter Wind weht unters T-Shirt. Autos hupen. Verpiss dich von der Straße, Arschloch. Was ist hier los? Ich dachte, in Amerika sind die Leute so freundlich. Du wirst gar nicht mehr weg wollen, hatte Ann gesagt. Ich sehe das leuchtende Zeichen eines Fast-Food-Ladens. Die Rettung. Wenn ich gegessen habe, wird alles besser sein. Noch hundert Meter. Ich bestelle mir mindestens drei Burger. Cheeseburger mit Pommes. Cola. Hot Dog. Bis ich nicht mehr kann. Wie kommt man hier eigentlich über die Straße? Keine Ampel weit und breit. Eine Frau ruft aus einem Auto. I love you. Sie wirft mir einen Kuss zu. I love you, too. Aber das Auto ist schon weg. Weg aus dem Transitbereich. Weg aus der Unfreundlichkeit. Wieso hat sie mich nicht mitgenommen in das echte, das freundliche Amerika?