Leseprobe
1. Wiebkes Fund darin Wiebke im Schneetrieb zwei Bücher findet, eines davon Keller überläßt, Keller es achtlos in gute Hände befiehlt und ein Professor dagegen angeht, daß er nicht zahlen soll Schindelrot liegen die Dächer des Schnoor unter splittrig verharschtem Eis und die schmale Gasse Hinter der Balge, angelaufen in der Farbe Februarfrüh, sperrt Katzen Kunden Köter aus. Immer eine schwere Zeit für Keller, den wie ausgedachten Antiquar, wenn ein Schnee fällt und in Teilen verbleibt. Nicht, weil mit Winterbeginn Schilder polyglatt warnen vor Prellung und Fraktur, die Barmer den Schnoor umstellt und das Rentnertreiben aussetzt, sondern weil Keller, wenn er denn schon in der Welt ist und sie queren muß bis an sein selig End, wenigstens nicht überall auf alberne Bedeutung stoßen möcht und blaue Flecken davontragen zu müssen wünscht. Schon von einem Anflug weltanhaftender Allegorie fühlt Keller sich bedrängt und zu zwanghaft-circulöser Überlegung veranlaßt
und im Altschnee lagern gleich sehr fette Allegorien ab : hat der sich nun zu Firnzungen in schmutzige Winkel Mauerwerk zurückschmelzen lassen oder täuscht Keller sich nicht und quillt er hervor aus den Fugen des Seins ? Wie auch immer: Keller betreibt Hinter der Balge einen vollendeten Handel mit gebrauchten Büchern, das duldet keinen Aufschub, und so schließt er mit dem zehnten Schlag der Kirchturmuhr die Tür des Eckhausantiquariats von innen auf, tritt heraus, bibbernd, dünn bekleidet, rumpelt bäuchlings gepreßt den Stellkasten mit Merianheften vors Schaufenster und wiederwieselt hinein - die Tür einen einladenden Spalt offen. Osterdeich : das dezemberwarme Lebkuchleuchten aus den weserflankenden Herrscherhäusern, das deren Bewohner, Bioarchitekten zumeist, pünktlich zum Fest durch hanf- und kompribandgedichtete Fenster angerichtet hatten, ist lang schon aus, in Gräue steht am Hang zur Weser ein Freiluftlokal und hat Winterzu, ein dürres Mädchen zockelt dort mit viel Gemüt den Fahrradweg lang und kalbgroß und dumm kackt sein brauner Hund Dampfendes in hartes Gras. Das Mädchen lobt den Hund und schaut dann gehaltvoll den Deich hinan. Droben aber schabt nur ein Onkel sein Geschwisterkind auf einem Schlitten über den Teerweg. Indes weht im ersten Stock des Antiquariats die Möglichkeit von Schnee durch bröckligen Fensterkitt, faucht Kellers Kaffeemaschine und spuckt farblose Fumarolen, eine Fliege, die am Deckenbalken Winterschlaf hält, wird halbbelebt und fällt zwischen Kleingeld und Visitenkarten in ein wildes Kakteenland, wackelt elendschwer mit den Flügeln, will tapfer fortstarten - wird aber von Keller, der aus dem Parterre aufsteigt, mit der Sehnsucht nach dem Paradies, die er für solche Gelegenheit auf dem Treppenpfosten vorhält, trefflich getötet. Keller friert, ist lustlos, hustet, schenkt Kaffee ein, spielt am Radio - auf allen Frequenzen jubelt ein Möbelhaus von den Sonderfreuden des Wochenendes -, wischt ein Guckloch in eine beschlagene Scheibe und starrt hinaus. Nein, Kunden trauen sich hartnäckig nichther. Das SchnoorViertel in Bremens Altstadt. Auf dem FalkPlan erst nach längerer Suche auszumachen so klein ist es. Nicht mal die Namen der Gassen haben ausgeschrieben Raum. Und in Echt ist der Schnoor nur unwesentlich größer als auf der Karte und sind die Bewohner froh, daß sie überhaupt Adressen haben und man sie besuchen könnte. So winzig und edel ist der Schnoor. Eigentlich aber ist er nichts als ein spätmittelalterliches Elendsviertel an der Weser, das in Segmenten überlebt hat - ein Todesurteil, wie es nur im 20. Jahrhundert gesprochen und vollstreckt werden kann. Der Schnoor hat sich gemausert und ist heute das touristenbegangenste Eck Bremens, hier weht noch der Geist der Gotik, hier waltet unbekümmert der Wille zu Gast und Kleinkunst, hier endlich ist Armut, die 500 Jahre auf dem Buckel hat, niedlich geworden. Daß dies Gesetz nicht nur für Bremen gilt, ist eine peinlichmüde Entschuldigung. Aber es ist wenigstens eine. Präziser: auf die Collage, die 1985 der Rowohlt Taschenbuch Verlag dem Malcolm-Lowry- Titel Dunkel wie die Gruft, in der mein Freund begraben liegt aufdrückte : Kaktus, Adler, Markt, mexikanische Abendsonne, nacktes Weib auf Bauch und Bett, davor drapiert ein trauriger angezogener Mann. Keller hatte es jüngst gelesen, o, daß niemand Lowrys Witwe abgehalten hatte, Novellenfragmente des Toten mit Tagebuchsätzen anzureichern, an die Öffentlichkeit zu wursten und zu einem dramatischen Selbstzeugnis über Schreibhemmungen zu stilisieren ! Keller war enttäuscht. Und bringt seither Fliegen auf dem Taschenbuch dar. Schließlich hieß ehdem Mexico-Stadt Tenochtitlán, Stadt des Feigenkaktus, und zelebrierten schon die Azteken auf Kakteen Menschenopfer. Eine Studie des verdienten hallenser Orientalisten Walter Beltz zur Mythologie des Korans.