An seiner Seite

Frauen prominenter Männer erzählen

Erschienen am 25.07.2007
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Bibliografische Daten
ISBN/EAN: 9783821856506
Sprache: Deutsch
Umfang: 288 S.
Format (T/L/B): 2.6 x 22 x 14.7 cm
Einband: gebundenes Buch

Leseprobe

»Wenn beide Partner viele eigene Dinge unternehmen, bleiben sie spannend füreinander.« Wie nimmt man Kontakt auf zu Henning und Luise Scherf? Nichts leichter als das: Sie stehen mit Privatadresse und -telefonnummer im Telefonbuch – das war schon immer so, auch zu seiner Zeit als Bürgermeister. Seit 1988 lebt das Paar zusammen mit Freunden in der Bremer Innenstadt; in den Medien wird das Haus gern als »die berühmteste Wohngemeinschaft Deutschlands« bezeichnet. Die Einladung, an diesem Buchprojekt teilzunehmen, beantwortet Luise Scherf prompt, und zwar per E-Mail: »Auf Ihre Frage, ob ich Lust hätte, bei Ihrem neuen Buch mitzumachen, sage ich gern JA.« Wir telefonieren und verabreden uns für einen Nachmittag in Bremen. Der Name steht an der Klingel, die Haustür öffnet sich, und aus dem ersten Stock ruft Luise Scherf: »Hallo, hier bin ich.« Nun wurde ja von fast jedem prominenten Menschen schon einmal behauptet, er sei trotz der öffentlichen Aufmerksamkeit »normal geblieben «. Eigentlich will man das nicht mehr lesen – aber in Bezug auf Luise Scherf trifft es nun mal wirklich zu. Zumindest wenn man sich einen »normalen Menschen« folgendermaßen vorstellt: verbindlich, aufmerksam, bodenständig, unprätentiös, ungekünstelt. Wir sitzen zusammen im gemütlich-zweckmäßig gestalteten Wohnzimmer, es ist gerade so geräumig, dass auch ein kleiner Flügel darin Platz hat. Alle Türen stehen offen: Nebenan befinden sich die Wohnküche und Luise Scherfs winziges Büro, hinter dem Haus liegt der Gemeinschaftsgarten, eine Treppe führt vom Wohnzimmer hinab in die Arbeitsräume des ehemaligen Bürgermeisters. Während unseres Gespräches kommt Henning Scherf einmal kurz dazu, grüßt sehr freundlich und fragt nach dem Anlass dieses Treffens. »Machen Sie ein Interview?« Nein, nicht wirklich. Denn Luise Scherf erzählt ganz von selbst so anschaulich, so ausführlich und interessant, dass sich kaum Zwischenfragen ergeben. Als Jugendliche dachte ich aufgrund meiner Erziehung: Es gibt nichts Schöneres für eine Frau, als Mann und Kinder zu haben. Die Familie ist das Wichtigste, aber man sollte auch einen Beruf erlernen, denn es könnte ja sein, dass man ihn einmal braucht. Also: Der Beruf als Notnagel – mit dieser Einstellung bin ich aufgewachsen. Gleichzeitig ging ich damals davon aus, nicht zu heiraten, weil ich dachte, ich sei zu dumm und zu unansehnlich, um einen Mann zu finden. Musik war das, was mir am meisten Spaß machte, daher beschloss ich, Musik zu studieren. Seit meinem sechsten Lebensjahr hatte ich Klavier gespielt, und ich wusste, ich bin keine Konzertpianistin, aber Schulmusik interessierte mich. Meine Jugend verbrachte ich mit meinen Eltern und meiner Schwester in Syke, einer Kleinstadt vor den Toren Bremens. Syke hatte kein Gymnasium, sieben Jahre lang fuhr ich jeden Tag rund zwanzig Kilometer mit dem Bus zur Schule nach Bremen und zurück. Und so eine Kleinstadt ist für einen jungen Menschen natürlich nicht das Gelbe vom Ei. Deshalb habe ich mich nach dem Abitur für das Kontrastprogramm entschieden: Ich ging nach Berlin. Dort studierte ich Musik und Deutsch, mit dem Ziel, Lehrerin zu werden. Aber dann kam erst mal Henning dazwischen. Kennen gelernt hatten wir uns schon während der Gymnasialzeit hier in Bremen. Ich war Schulsprecherin, und auf einem Schulfest musste ich eine Begrüßungsansprache halten. Im Publikum war Henning. Damals war er siebzehn Jahre alt, ich achtzehn, ich bin ein halbes Jahr älter. Am nächsten Morgen erzählte er seiner Mutter von mir und sagte: »Die oder keine.« Dabei kannte er mich gar nicht, er hatte nur meine kurze Ansprache gehört. Aber er interessierte sich für mich, er schlich sich langsam an mich heran, wir freundeten uns ein bisschen an. Obwohl er mir gut gefiel, war ich nicht verliebt, und Henning war sehr schüchtern. Ohnehin sagte man damals nicht leichthin: »Ich mag dich gerne« oder so. Und ich nahm an, er sei einfach ein christlich guter Mensch, der sich nur aus Barmherzigkeit um mich armes hässliches Entlein kümmerte. Doch dem war nicht so. Nach dem Abitur ging er nach Freiburg, um Jura zu studieren, wir verloren uns aus den Augen. Aber als ich im vierten Semester war, reiste er nach Berlin. Henning wusste, dass ich an der Hochschule für Musik studierte, er erkundigte sich dort nach mir und bekam heraus, wo ich wohnte. Kurz darauf hat es gefunkt, und sehr schnell waren wir uns einig: Wir bleiben fürs ganze Leben zusammen. Dann sind wir zusammen in Urlaub gefahren, und ich wurde schwanger. Wir heirateten, 1961 kam unser erstes Kind zur Welt, ein Mädchen.