Der Lebensborn in München
Kinder für den "Führer"
Baumann, Angelika / Heusler, Andreas / Bräsel, Anna / Küppers, Hans-Georg / Stephan, Michael
Erschienen am
12.06.2013
Beschreibung
Der 1935 auf Veranlassung Heinrich Himmlers gegründete Verein Lebensborn wirkte unter dem Deckmantel sozialkaritativer Fürsorge für ledige Mütter und uneheliche Kinder an der Umsetzung der nationalsozialistischen Bevölkerungs- und Rassenpolitik mit. In den Heimen des SS-Vereins konnten „rassisch und erbbiologisch wertvolle“ Frauen ihre Kinder entbinden. Ledigen Frauen war dies unter Geheimhaltung möglich, der Lebensborn übernahm zudem die Vormundschaft, sicherte Kind und Mutter finanziell ab und sorgte bei Bedarf für die Vermittlung der Kinder in Pflege- oder Adoptivfamilien. Dieser fürsorgerische Ansatz täuschte über den eigentlichen Zweck hinweg, nämlich mit Kindern „guten Blutes“ zum Aufbau einer „rassischen Elite“ des Dritten Reiches beizutragen.
Welche besondere Rolle München für den Lebensborn spielte, ist bislang weitgehend unbekannt. Der SS-Verein eröffnete sein erstes Heim 1936 im 30 Kilometer entfernten Steinhöring und verlegte seine Zentrale 1938 von Berlin nach München. In den Folgejahren expandierte der Lebensborn nicht nur im Stadtgebiet, sondern koordinierte von hier aus seine europaweiten Aktivitäten.
Die Publikation zeigt auf, welche bedeutende Rolle München für den Lebensborn spielte. Wie war der Verein mit seinen Dienststellen und Wohnungen in der Stadt präsent? Welche Akteure waren für den SS-Verein tätig und arbeiteten von München aus an der Umsetzung der NS-Rassenpolitik und -Bevölkerungspolitik? Was machte München als Standort für den Lebensborn so interessant? Wer waren die Personen und Institutionen, die bereits im Vorfeld des Nationalsozialismus Rassenhygiene und Menschenfeindlichkeit zum Programm hatten? Die Geschichte des Lebensborn endete nicht 1945 – seine Nachwirkungen in juristischer, medialer und wissenschaftlicher Sicht sowie in der ganz individuellen Aufarbeitung dauern an.
Inhalt
Inhaltsverzeichnis
Hans-Georg Küppers, Michael Stephan
8 Vorwort
Angelika Baumann, Andreas Heusler
10 Einleitung der Herausgeber
1
Vorläufer und Vordenker von
„Rassenhygiene“
und Eugenik
Andreas Heusler
20 München und der Lebensborn e. V.:
Rassenhass und Menschenfeindlichkeit
als „Standortfaktoren“
21 Das Münchner Milieu
22 Antisemitismus als gutbürgerliches
Glaubensbekenntnis
25 Der Alldeutsche Verband (ADV)
26 Die Deutsche Vaterlandspartei (DVLP)
27 Rassenhygiene als Programm:
Max von Gruber
28 Die Thule-Gesellschaft
29 Multiplikator des Rassismus:
2
Nationalsozialistische Familienund
Bevölkerungspolitik
Annette Eberle
34 Der Kampf gegen die „Abtreibungsseuche“.
Abtreibungszwang und das
nationalsozialistische Frauenbild
Annemone Christians, Florian Wimmer
42 Kommunale Sozial- und Gesundheitspolitik
als Spiegel des NS-Regimes
49 NS-Bevölkerungspolitik als
bürokratische Aufgabe:
Akteure – Strukturen – Wirkungen
49 Das „Hilfswerk Mutter und Kind“ der NSV
(Florian Wimmer)
51 Das städtische Gesundheitsamt
(Annemone Christians)
53 Die Erbgesundheits(ober)gerichte
(Annemone Christians)
56 Das (Haupt-)Amt für Volksgesundheit
(Annemone Christians)
59 Die Jugendämter
(Florian Wimmer)
61 Das Wohlfahrtsamt
(Florian Wimmer)
62 Die Justiz: Vormundschaftswesen und
Adoptionsrecht
(Annemone Christians)
3
Orte und Akteure
Tatjana Neef
66 Rassengedanke und Elitenbildung
bei der SS: Idee und Rolle des Lebens-
born e. V.
Anna Bräsel
74 Der Lebensborn e. V. und München –
eine symbiotische Beziehung
74 Die „Mann-Villa“ – Poschingerstraße 1
78 Herzog-Max-Straße 3–7
80 Ismaninger Straße 95
82 Antonienstraße 7
85 Kaulbachstraße 65
87 Mathildenstraße 8/9
89 Hermann-Schmid-Straße 5–7
92 Cuvilliésstraße 22 und Färbergraben
93 Die Deckadressen des Lebensborn
Anna Bräsel
96 Das Lebensborn-Heim Hochland
in Steinhöring
96 Das Heim – Lage, Erwerb und Bedeutung
98 Leitung, Personal und Kapazität des
Heim Hochland
101 Der Alltag im Heim Hochland
105 Die letzten Kriegsmonate und das Ende
des Lebensborn e. V.
106 Vom Entbindungsheim zum Betreuungszentrum
– Entwicklung des Geländes nach 1945
109 Leitung und Mitarbeiter des Lebensborn
109 Guntram Pflaum
(Anna Bräsel)
111 Gregor Ebner
(Anna Bräsel)
113 Max Sollmann
(Sabine Schalm)
115 Günther Tesch
(Anna Bräsel)
117 Inge Viermetz
(Anna Bräsel)
119 Erich Schulz
(Anna Bräsel)
120 Alfred Wehner
(Anna Bräsel)
122 Franz Lenner
(Anna Bräsel)
123 Ernst Ragaller
(Theresia Bauer)
127 Wolfgang Ueberschaar
(Anna Bräsel)
129 Die Schwesternschaft
(Anna Bräsel)
131 Else Oventrop
(Anna Bräsel)
Sabine Schalm
132 KZ-Häftlinge für den Lebensborn
Theresia Bauer
137 Die europäische Dimension des Lebens-
born
e. V. – Eindeutschungsprogramme
und Kriegskinder
145 Sonderfall Norwegen
Exkurs
Theresia Bauer
152 Der Lebensborn und die Kinder der
„Partisanenbekämpfung“ und des
„Bandenkampfes“
Tatjana Neef
154 Die Haltung der Kirche.
Der Lebensborn e. V. als „neuheidnischer“
Gegenentwurf zur katholischen Morallehre
4
Nachwirkungen
Historische, juristische und individuelle
Auseinandersetzungen mit dem
Lebensborn nach 1945
Anna Bräsel
162 Das justizielle Nachspiel – Die Prozesse
gegen die Mitarbeiter des Lebensborn e. V.
162 Die Grundlagen des Nürnberger Prozesses
gegen das Rasse- und Siedlungshauptamt
165 Das Verfahren und die Verteidigungsstrategie
167 Das Urteil und die Bewertung des
Lebensborn e. V.
169 Voraussetzungen und Parallelen beim
Münchner Hauptspruchkammerverfahren
170 Das Verfahren vor der Münchner Hauptspruchkammer
– ein zweites Nürnberg?
172 Das Urteil und die Bewertung des Lebensborn
im Vergleich zum Nürnberger Prozess
Sabine Schalm
175 Der Lebensborn als trivialer Kitsch
im Roman von Will Berthold
Theresia Bauer
178 Der Lebensborn in Presse und Publizistik –
von der Nachkriegszeit bis in die Mitte
der achtziger Jahre
Sabine Schalm
182 „Halbe Wahrheit, ganzer Kitsch“ –
der Film Lebensborn (1960)
Theresia Bauer
187 Erinnerungskulturelle Leerstellen?
Zum Umgang mit dem Lebensborn seit
den achtziger Jahren
188 Verspäteter wissenschaftlicher Diskurs
192 Autobiographische Zugänge
Tatjana Neef
195 Lebensborn-Kinder – die schmerzhafte
Suche nach der eigenen Identität
Sabine Schalm
198 Autobiographische Spurensuche
198 Gisela Heidenreich
200 Hannes Dollinger
204 Helga Kahrau
Anhang
210 Abkürzungen
211 Anmerkungen
222 Benutzte Archive und Literatur
225 Autorinnen und Autoren
226 Orts- und Namensregister